Beiträge aus dem 
aktuellen Schuljahr
 

Kopf oder Zahl - Drehen eines philosophischen Kurzfilms in der Bavaria Filmstadt

Man nehme: einen Hubschrauber, eine Waffe und jede menge Kunstblut. Fertig ist der perfekte Film. In etwa so waren die Vorstellungen unseres W-Seminars Englisch (fächerübergreifend mit Ethik: "Film and Philosophy"), als wir am 6. Juli 2010 in die Bavaria Filmstudios aufbrachen. Dort sollten wir die einmalige Gelegenheit bekommen, einen Film mit professionellen Hilfsmitteln zu drehen.

An wilden Ideen mangelte es nicht, dafür vielleicht ein wenig an Sinn für Realität. Auf den Boden der Tatsachen wurden wir bei unserer Ankunft jedoch recht schnell zurückgeholt. Tristes Gebäude und weit und breit kein Hubschrauber. Auch Plan B (Motorrad) wurde recht schnell durch die Frage der Regisseurin, ob wir denn eins dabei hätten, zerstört. Auch war sie ein wenig enttäuscht über unseren mangelnden Dialekt, legte dafür aber gleich los, unsere Idee umzusetzen. Das Grundgerüst der Geschichte und ein grobes Drehbuch standen nämlich bereits: ein ethisches Dilemma über das Abschalten von lebenserhaltenden Maschinen. Sie half uns diese Geschichte auszufeilen, und dann sollte es auch schon losgehen. Aber wie?

Man nehme jetzt die echte Marienhofkulisse mit einer Hinterhofautowerkstatt und einem dunklen Häuserdurchgang: fertig ist der ideale Ort für ein grausames Verbrechen. Und man nehme schließlich: einen zum Bett umfunktionierten Tisch, ein paar Bettlaken, jede Menge Schläuche, künstliche Pflanzen und einen Arztkittel; fertig ist das perfekte Krankenzimmer, samt Arzt. Ohne genau ausgefeilten Text ging es an die Arbeit. Vera, unsere Regisseurin und Günther, unser Kameramann, vertrauten beide wohl auf unser Improvisationstalent. Und tatsächlich ging der Dreh schneller voran als gedacht, obwohl einige Szenen mehrmals aufgrund von Lachanfällen, Versprechern oder Ähnlichem aufgenommen werden mussten - trotz der ernsten Thematik.

Damit war unser Part fürs erste erfüllt und die Profis gingen ans Werk, um das Filmmaterial zu schneiden und mit Musik zu hinterlegen. Wir vertrieben uns die Zeit mit einer Führung durch die Bavaria Film Studios, und nach gut drei Stunden war es dann soweit: Filmpremiere. Und das Ergebnis ließ sich sehen. Schnitt und Ton hatten aus unserem Laienstück einen sehr passablen Kurzfilm werden lassen. Ein Film, der darüber nachdenken lässt, wer das Recht hat, über Leben und Tod zu entscheiden.

Die Handlung ist schnell erzählt: Herr und Frau Meier befinden sich am Krankenbett ihres Sohnes Fabi, einem sympathischen und hilfsbereiten Automechaniker, den sie vor wenigen Stunden noch zu seinem "Lieblingsschweinsbraten" eingeladen hatten. Fabi ist aber nie zu dem Essen erschienen, da er von zwei Schlägern lebensgefährlich verletzt wurde, nachdem er heldenhaft versucht hatte, einer von den beiden Verbrechern bedrohten Frau zu helfen. Im Krankenhaus erfahren die Eltern von der Chefärztin, dass ihr Sohn Fabi nur noch aufgrund der Maschinen lebe, es keine Aussicht auf Heilung gebe; schließlich gibt sie den Rat, die Maschinen auszuschalten und lässt die Eltern mit der Situation allein. Da sich die Eltern nicht zu einer Entscheidung durchringen können, werfen sie eine Münze und lassen den Zufall entscheiden: Kopf oder Zahl? Die Münze ist gefallen, die lebenserhaltenden Apparate werden abgeschaltet. Just in diesem Moment bewegt sich Fabis Hand. Zu spät....

Durch diese dramatische Geschichte wird der Betrachter angeregt, über wichtige medizinethische Fragen nachzudenken. In einer zunehmend hochtechnisierten Medizin ist der Mensch zu Entscheidungen gezwungen, die er früher nicht machen musste. Wenn auch die passive Sterbehilfe rechtlich erlaubt ist, so kostet sie, da das Ausschalten von Apparaten wohl auch einen aktiven Akt bedeutet, große Überwindung. Wie werden solche Entscheidungen richtig getroffen? Durch Münzwurf wohl nicht, wie der Film provokativ darzustellen versucht. Nach welchen Kriterien, wenn nicht der Willkür, soll aber dann entschieden werden? Und damit zur zentralen ethischen Frage des Kurzfilms: Darf sich der Mensch zum Herren über Leben und Tod machen?

(Anne Wegmann, Bianca Bienek, Georg Denicolo)